Grußworte

Michael Kretschmer
Michael Kretschmer
Ministerpräsident des
Freistaates Sachsen

Für viele Christen ist das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ die zentrale Stelle des Neuen Testaments. Der gleiche Satz findet sich auch im 3. Buch Mose und stellt für viele Juden die zentrale Stelle der Torah dar. Christen wie Juden ist dabei bewusst, dass mit dem Nächsten nicht allein Familie, Freunde und Nachbarn gemeint sind, sondern eigentlich die Fernsten, die Anderen.
Die „Woche der Brüderlichkeit“ ist unter dem Motto „Tu deinen Mund auf für die Anderen“ dem gemeinsamen Nachdenken und Gebet von Christen und Juden über mitmenschliche Solidarität gewidmet. Die zentrale Auftaktveranstaltung in Dresden am 8. März mit der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Teil eines umfangreichen Jahresprogramms, das von den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und vielen anderen Akteuren gestaltet wird.

Damit sage ich herzlich willkommen zur „Woche der Brüderlichkeit“ im Freistaat Sachsen! Die christlich-jüdische Zusammenarbeit geht hier bis in die 1970er Jahre zurück. So mancher erinnert sich noch an den beeindruckenden Bußgottesdienst in der Dresdner Kathedrale im November 1988 anlässlich des 50. Jahrestags der Reichspogromnacht. Der katholische Bischof leitete die Liturgie, der lutherische Landesbischof predigte, und ein Vertreter der jüdischen Gemeinde hielt eine Ansprache. Ein knappes Jahr später begann die Friedliche Revolution in der DDR, und nach der Deutschen Einheit erlebte das jüdische Leben in Sachsen eine Renaissance. Gott sei Dank!
Diese Solidarität von Christen und Juden ist in Zeiten des leider wieder zunehmenden Antisemitismus wichtig. Zugleich gibt es neben unseren Mitbürgern jüdischen Glaubens viele andere, die unserer Fürsprache und tätigen Hilfe bedürfen. Möge die „Woche der Brüderlichkeit“ all jene in Sachsen und Deutschland stärken, die im Geiste der Geschwisterlichkeit mit den Anderen leben.

Dirk Hilbert
Dirk Hilbert
Oberbürgermeister der
Landeshauptstadt Dresden

Die jüdische Kultur und der interreligiöse Dialog haben ihren festen Platz in der Dresdner Stadtgesellschaft. Sinnbildlich dafür steht unsere Neue Synagoge – feierlich geweiht am 9. November 2001 als erster Synagogenneubau in den ostdeutschen Bundesländern nach der Wiedervereinigung. Nach jahrzehntelangen Provisorien erhielt die jüdische Gemeinde unserer Stadt endlich wieder ein würdiges Zuhause. Und Dresden bekam ein neues Wahrzeichen, das mit seiner modernen Architektur ganz bewusst in einem spannungsvollen Gegensatz zur barocken Stadtsilhouette steht und die schmerzvollen Brüche in unserer Geschichte betont. Dies macht das Gebäude bis heute zu einer Herausforderung, zugleich aber auch zu einer Einladung an Dresdnerinnen und Dresdner und ihre Gäste: Es macht neugierig, es lädt ein zum Entdecken, bietet Anlass für Diskussionen und Gespräche.
Und es folgt damit einem Ansatz, der auch die Arbeit der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in ganz Deutschland prägt.

Die Gesellschaften initiieren Begegnungen, sie vermitteln Kenntnisse über Religionen und ihre Geschichte, sie bauen Brücken zwischen den Kulturen. Das Jahresmotto „Tu deinen Mund auf für die Anderen“ bringt diese Einstellung auf den Punkt. Für mich ist es in Zeiten eines wieder zunehmenden, teils latenten, teils offen hervorbrechenden Antisemitismus aber auch klares Bekenntnis zur Zivilcourage. Politik und Stadtgesellschaft stehen hier gemeinsam in der Verantwortung, und gemeinsam treten wir Hass und Ausgrenzung entschieden entgegen.
Die Woche der Brüderlichkeit 2020 bringt uns ein ganzes Jahr lang viele und ganz unterschiedliche Veranstaltungsformate, die zu Kennenlernen und Dialog einladen. Ein Höhepunkt für uns ist die zentrale Eröffnungsfeier am 8. März im umgebauten Kulturpalast, dem kulturellen Herzstück unserer Stadt. Ich freue mich auf alle Angebote, danke den Organisatoren und wünsche den Teilnehmerinnen und Teilnehmern viele neue Eindrücke und spannende Begegnungen.

OLKR Thilo Daniel
OLKR Dr. Thilo Daniel
Stellvertreter des
Landesbischofs der Ev.-Luth.
Landeskirche Sachsens

Die biblische Aufforderung, nicht wegzuschauen, sondern sich einzumischen; nicht zu schweigen, sondern Unrecht zu benennen, ist heute so aktuell und nötig wie in denjenigen Zeiten, in denen diese Weisheiten jüdischen Glaubens im Buch der Sprüche gesammelt und aufbewahrt worden sind:
„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“ (Sprüche 31,8–9)
Das Wort für Menschen zu ergreifen und für sie einzustehen ist eine Aufgabe, die eine Haltung der Empathie voraussetzt. Es bedarf des Einfühlungsvermögens, das in den Menschen, die unsere Zuwendung erfahren, Vertrauen wecken kann. Denn Menschen werden erst von dem erzählen, was sie in ihrem Handeln lähmt, warum sie sich benachteiligt fühlen, wenn sie Vertrauen fassen. Dieser Prozess bedarf eines langen Atems. Eines Atmens, der durch vielfältige Einflüsse und Lebensumständemins Stocken zu geraten droht.

Dass die Woche der Brüderlichkeit 2020 in Dresden stattfindet, verpflichtet die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens und die Christinnen und Christen der Stadt Dresden, diesen Atem zu bewahren. Besonders angesichts der großen Schuld, dass jüdisches Leben, wie es in Regionen unserer Landeskirche vor der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus, die auch Unterstützung in vielen kirchlichen Kreisen fand, bestand, zerstört worden ist.
„Tut deinen Mund auf für die Anderen“ – das heißt für uns evangelische Christinnen und Christen: Die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse hintanstellen und sich zunächst für die Grundrechte aller Mitmenschen einzusetzen und für Religionsfreiheit und Freiheit von jeglicher Diskriminierung einzutreten.
Ich wünsche allen Teilnehmenden Gottes Segen für anregende und ermutigende Veranstaltungen in Dresden.

Heinrich Timerevers
Heinrich Timmerevers
Bischof von Dresden-Meißen

„Das ist mir egal.“
Wie oft wird dieser Satz wohl gesagt, wie oft haben wir ihn schon gehört?
Nicht zu allen Themen kann man sich eine umfängliche Meinung bilden und oft fällt es nicht leicht, die Tragweiter einer Entscheidung vorherzusehen. Oft sind Situationen heute so komplex, dass es viel Mühe macht, angemessene und verantwortliche Haltungen zu finden.
Doch die Anstrengung braucht es!
Der Schriftsteller und Überlebende des Holocausts Elie Wiesel formulierte:
„Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit.
Das Gegenteil von Glaube ist nicht Überheblichkeit, sondern Gleichgültigkeit.
Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit.
Gleichgültigkeit ist nicht der Anfang eines Prozesses, es ist das Ende eines Prozesses.“

Diese Worte berühren mich und machen mir deutlich, dass das Ringen um Haltungen erstrebenswert ist, um Gleichgültigkeit zu überwinden.
Die „Woche der Brüderlichkeit“ fordert mit ihrem gewählten Motto „Tu deinen Mund auf für die Anderen“ genau dazu auf: Wir können angesichts von Unrecht und Ungerechtigkeit gegenüber unseren Nächsten, angesichts von Schieflagen unserer Gesellschaft weder schweigen, noch auf primitive Antworten setzen.
Der dem biblischen Buch der Sprüche (Spr 31,8) entlehnte Leitsatz fokussiert den „Anderen“, der uns in seinem Fremdsein herausfordert, ihn als Mitmenschen, als Schwester oder Bruder zu entdecken. Dann kann er oder sie uns nicht mehr egal sein.

Dr. Nora Goldenbogen
Dr. Nora Goldenbogen
Vorsitzende des
Landesverbandes Sachsen
der Jüdischen Gemeinden

„Tu deinen Mund auf für die anderen“, das diesjährige Motto der Woche der Brüderlichkeit, ist von hoher Aktualität. Es war es schon vor dem antisemitischen Attentat auf die Synagoge in Halle am Jom Kippur und gewann danach weiter an gesellschaftlicher Brisanz für uns. Gleichzeitig stellt es an uns als jüdische Gemeinschaft den gleichen Anspruch: Auch wir müssen bereit sein, für die anderen einzutreten.
Das ist uns noch nie so deutlich geworden wie in den Tagen und Wochen nach dem Attentat von Halle. Wir haben eine starke Welle der Solidarität erfahren, viel Anteilnahme und großes Interesse an den öffentlichen Veranstaltungen der jüdischen Gemeinden. Das hat uns gut getan und uns Mut gemacht, vor allem dafür, uns auch weiterhin nicht abzuschließen, sondern aktiv in die jeweilige Stadtgesellschaft einzubringen.

In diesem Bestreben sind die örtlichen Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit schon seit vielen Jahrzehnten enge Partner. Wie in Dresden, so haben diese Partnerschaften in ganz Sachsen eine lange Tradition. Seit ihren Anfängen, in den 1970er Jahren, waren sie von gesellschaftlicher Relevanz, wenn auch in anderer Weise als heute.
Einige der damaligen Akteure, wie hier in Dresden, sind noch heute maßgebliche Impulsgeber christlich-jüdischer Zusammenarbeit und uns eng und freundschaftlich verbunden. Dafür möchten wir uns aus gegebenem Anlass an dieser Stelle ganz besonders bedanken.

Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit Dresden e.V.

Wie oft hören wir: „Man kann ja doch nichts machen!“ Wie oft wird verächtliches und diskriminierendes Reden über andere als Meinungsfreiheit verstanden. Dieses Reden führt zu einer gefährlichen Gewöhnung. Anstand, Höflichkeit und Mitmenschlichkeit werden aufgegeben. Das Eigene wird zum „Wir“ der zu einer Gruppe, zum Volk oder einer Weltanschauung Dazugehörenden. Die „Anderen“, die Fremden, werden abgelehnt.
Das Leitwort „Tu deinen Mund auf für die Anderen“ ist angelehnt an einen über zweitausend Jahre alten Bibelvers, der einem weisen Regierenden, dem König Salomo, zugeschrieben wird.

Es nennt eine akute Aufgabe für alle. Es richtet sich gegen die Selbstbezogenheit, nur das eigene Recht zu fordern. Es erinnert an das Recht der anderen, besonders dann, wenn es ihnen verweigert wird. Es richtet sich gegen die Gleichgültigkeit und gegen das Wegschauen, wenn es um die Situation von Menschen in unserem Land, in Europa oder in anderen Weltgegenden geht. Lasst uns die Nöte und Sorgen der anderen in den Blick nehmen und entsprechend handeln. Das bedeutet nicht, dass wir festlegen, was sie brauchen, und womit sie zufrieden sein sollen, sondern es stellt Fragen an unser eigenes Verhalten und unsere Vorurteile, und es erfordert Zivilcourage.

Für die Kirchen der Stadt:
Pastor Alexander Neufeld und Elisabeth Naendorf,
Vorstand Stadtökumenekreis
Superintendenten Christian Behr und Albrecht Nollau, Dresdner Kirchenbezirke
Dompfarrer Norbert Büchner, Dekanat Dresden

Das Jahresmotto zur Woche der Brüderlichkeit ist eine herausfordernde Abwandlung eines biblischen Verses aus dem Buch der Sprüche. Dort heißt es sinngemäß: „Tu deinen Mund auf für die Rechtlosen“. Die jetzt gewählte Formulierung „für die Anderen“ fordert uns auf, unsere Wahrnehmung zu verändern: Es geht nicht darum, die Menschen als hilfsbedürftig zu betrachten, sondern sie genauso zu sehen wie uns selber. Genauso reich, genauso arm, genauso gläubig, genauso zweifelnd, genauso Bewohner und Bewohnerinnen dieser Stadt, mit genau den gleichen Rechten und Pflichten: Genau gleichgestellt sind wir alle – und gleichzeitig vielfältig verschieden in fast allem, was uns ausmacht. Jeder und jede von uns ist anders, im Denken, im Fühlen, in den Ansichten und Vorlieben. Und jede und jeder von uns hat das Recht dazu, in der eigenen Andersartigkeit und Vielfältigkeit respektiert zu werden.
Und genau darin liegt die Herausforderung.

Zwar ist es uns wichtig in unseren Kirchen, uns um die zu kümmern, denen es nicht so gut geht; es ist Teil unseres Selbstverständnisses, das wir Nächstenliebe nennen. Aber es ist noch überhaupt nicht selbstverständlich für uns, allen Menschen um uns herum auf Augenhöhe zu begegnen, weder in unserer Gesellschaft noch in unseren Gemeinden. Es fällt uns schwer, die anderen ihren Lebensalltag und ihren Lebensweg auf ihre Weise machen zu lassen, ihre Werte und Glaubensvorstellungen gelten zu lassen. Es fällt uns schwer, andere mitreden und mitbestimmen zu lassen, gleichberechtigt, gleichbeteiligt, nicht als Empfänger unserer Hilfe, sondern als Partner und Partnerinnen im Streit und in der Auseinandersetzung um den richtigen Weg – im Glauben und im Leben.
Schön, dass das Jahresmotto dazu ermutigt, die Blickrichtung zu verändern und die eigene Perspektive zu wechseln – hin zum Dialog mit den Anderen.